Fritz Brändlein (1891 – 1979)

Reinhold Loch

Fritz Brändlein

Mein Großonkel Fritz Brändlein aus Niedernhall in Hohenlohe war bereits 48 Jahre alt, als er nach Buchenwald kam. Der Bruder meiner Großmutter Marie Brändlein hatte das zweifelhafte Vergnügen, seinen 49sten Geburtstag im KZ feiern zu können. Als er den Appellplatz von Buchenwald betrat, war er bereits sattsam KZ-erfahren. Als Kommunist war er schon 1933 zum ersten Mal schwer gefoltert und in ein KZ, das KZ Heuberg bei Heilbronn, verschleppt worden. Meine Urgroßmutter hat das Ereignis in der Familienbibel festgehalten, die ich geerbt habe. Es folgten ein weiterer KZ-Aufenthalt in Welzheim 1935/36, als die Nazis im Rahmen ihrer Aktion „Schleppnetz“ die sich neu formierenden linken Widerstandsgruppen in Deutschland aufrollten, und zwei Gefängnisaufenthalte – einer davon 1936 für 6 Wochen wegen Beleidigung der NSDAP. Mein Großonkel hatte es gewagt, den NSDAP Ortsgruppenleiter und seine Kamarilla als „Dackel, Saudackel, Schlawiner, Verräterbande“ und was weiß ich noch alles zu beschimpfen. Das geht aus erhalten gebliebenen Gerichtsakten hervor. Die Ausdrücke fielen während einer Wirtshausdiskussion, bei der mein Großonkel vor einem bevorstehenden Krieg warnte, in dessen Verlauf er die Verwendung von Giftgas befürchtete.

Die Auswirkungen eines solchen Krieges kannte er aus einem langen Lazarettaufenthalt 1914/15. Als Kriegsteilnehmer war er bereits im Oktober 1914 so schwer verwundet worden, dass er Ende Mai 1915 als schwer kriegsbeschädigt entlassen wurde. Die Kugel steckte zeitlebens in seinem Beckenknochen. In der Zwischenzeit musste er monatelang mitansehen, welche Verstümmelungen moderne Massenvernichtungswaffen bei Menschen anrichten können. Diese Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg machten aus ihm einen überzeugten Pazifisten und aus dem vormaligen SPD-Mitglied einen Kommunisten, der sich denjenigen anschloss, die bereits 1914 diesen mörderischen Krieg bekämpft hatten: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Über die USPD, die sich von der kriegsbegeisterten SPD abgespaltet hatte, kam er 1919 zur KPD.

Die Parteimitgliedschaft in der KPD zusammen mit seiner pazifistischen Überzeugung waren es dann, die ihm 1939, pünktlich zum „Ausbruch“ des Zweiten Weltkrieges, einen Aufenthalt in Buchenwald einbrachten. Fritz Brändlein war Bauer und er war gerade im Stall beim Füttern seiner Kühe, als er abgeholt wurde. Er hatte sich, außer einmal Schwarzangeln während der Zeit der großen Inflation, keine Vergehen zuschulden kommen lassen. Im Gegenteil: Als Kommunist sah er den Niedergang der kleinen Bauern voraus und setzte sich zu ihrem Schutz für eine Kollektivierung ein: Saatgut und landwirtschaftliche Maschinen sollten gemeinschaftlich angeschafft, Maßnahmen für Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung gemeinschaftlich durchgeführt werden. Auch der Weinbau sollte genossenschaftlich betrieben werden – und wurde es ab 1937, unter den Nazis.

Fritz Brändlein kam anlässlich der Aktion „Wehrunwürdige“, wie die Nazis Pazifisten nannten, nach Buchenwald. Die Verhaftungswelle zu Beginn des Zweiten Weltkriegs galt allen, die den Überfall auf Polen hätten kritisieren und dadurch die „Wehrkraft“ hätten schwächen können. Da Fritz Brändlein bereits außerhalb des Konzentrationslagers Mitglied des illegalen Widerstands war und einige KZ-Erfahrung hatte, gehörte er in Buchenwald sofort nach seiner Ankunft der internen illegalen Widerstandsorganisation an und nahm an derenAktionen teil. Darunter war auch eine Brotsammelaktion für die polnischen Zivilgefangenen, die nach Buchenwald verschleppt worden waren. Insbesondere das Schicksal der sogenannten „polnischen Heckenschützen“, die die SS im Spätherbst 1939 in ein gesondertes Lager auf dem Appellplatz pferchte und dort erfrieren und verhungern ließ, hat ihn nicht losgelassen.

Mein Großonkel war wegen seiner Kriegsverwundung aus dem ersten Weltkrieg zu 50% schwerbehindert und deshalb in ein leichtes Arbeitskommando gekommen, die Strumpfstopferei. Sie lag nur wenige Meter vom sog. „Polenlager“ entfernt. Von dort aus musste er das Sterben der polnischen Gefangenen mitansehen. Er hat davon später im Familienkreis erzählt, aber nur andeutungsweise und sehr formelhaft. Das „Polenlager“ war ein Lager im Lager, das nochmals gesondert durch einen Stacheldrahtzaun vom restlichen Lager getrennt war. Die sanitären Verhältnisse in diesem Lager waren so katastrophal, dass es zu einer Ruhr-Epidemie kam.

Auch mein Großonkel erkrankte an der Ruhr und wäre fast daran gestorben, wenn meine Familie nicht aus dem Lager Buchenwald heraus über seinen Zustand informiert worden wäre. Aus dem 50 km entfernten Heilbronn kam mitten im Winter ein entlassener Häftling angeradelt, um meiner Familie mitzuteilen, dass sie meinen Großonkel unbedingt aus dem KZ herausbekommen müssten, er hätte sonst nur noch wenige Wochen zu leben. Seine Tochter hat daraufhin große Anstrengungen unternommen, um seine Freilassung zu bewirken, und sie hatte Erfolg: Er kam auf eine Amnestieliste zu „Führers Geburtstag“ und wurde im April 1940 entlassen. Er brauchte über ein Jahr, um sich körperlich zu regenerieren und hat überlebt. Aber seelisch hat ihn Buchenwald nie losgelassen.